Chronik der DDR 1970-1979

    Aus DDR-Lexikon

    1970 entbrannte ein Machtkampf um die Parteiführung der SED zwischen Walter Ulbricht und Erich Honecker. Mit Unterstützung aus Moskau erreichte Honecker im April 1971 den Rücktritt Ulbrichts von allen seinen Ämtern und übernahm selbst die Leitung des Zentralkomitees. Nur zwei Jahre später starb Ulbricht am 1. August 1973.

    Auf dem SED-Parteitag im Juni 1971 gab Honecker den neuen Kurs der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ vor: Hauptaufgabe der Partei sollte die Erhöhung des Lebensstandards in der DDR sein, um dadurch letztlich eine Steigerung der Produktivität zu erreichen. Besonders der Wohnungsbau wurde gefördert, denn der Wohnungsmangel stellte auch über 20 Jahre nach Kriegsende noch immer ein erhebliches Problem dar. Eine vermehrte Beschäftigung von Frauen wurde durch den Ausbau der Kinderbetreuung und eine Verlängerung des bezahlten Mutterschaftsurlaubs ermöglicht. Durch diese und ähnliche Maßnahmen konnten in den folgenden Jahren tatsächlich die Produktion und der Konsum angekurbelt werden – allerdings nicht ohne Kredite aus dem Westen.

    Honeckers Kulturpolitik war Anfang der 1970er Jahre vergleichsweise liberal. Der Empfang von westlichem Rundfunk wurde nicht mehr bekämpft und auch andere West-Güter wie Musik oder Kleidung wurden geduldet. Gleichzeitig wurde aber auch die Nähe zur Sowjetunion und anderen sozialistischen Staaten stärker als zuvor betont. Diese vorsichtige Öffnung endete im Herbst 1976, als der Liedermacher Wolf Biermann wegen seiner kritischen Texte ausgebürgert wurde, wogegen berühmte Schriftsteller und weite Kreise der Bevölkerung protestierten.

    Unter Honecker und dem westdeutschen Bundeskanzler Willy Brandt näherten sich die beiden deutschen Teilstaaten wieder etwas an. 1971 wurde ein Transitabkommen zwischen der DDR und der BRD unterzeichnet, das die Durchreise durch die DDR und damit den Weg von und nach West-Berlin vereinfachte. 1972 einigten sich beide Staaten in einem Grundlagenvertrag auf eine nachbarschaftliche, gleichberechtigte Beziehung zueinander und erkannten die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des jeweils anderen an. Außerdem wurde die Einrichtung von Botschaften, sogenannten Ständigen Vertretungen, beschlossen. Ein Jahr später wurden schließlich beide Staaten in die Vereinten Nationen aufgenommen.

    Ein wichtiges außenpolitisches Ereignis war die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), an der Vertreter der DDR teilnahmen und deren Schlussakte sie am 1. August 1975 unterzeichneten. In dieser Schlussakte waren Selbstverpflichtungen über Menschenrechte, europäische Zusammenarbeit und Sicherheitsfragen zusammengefasst worden. DDR-Bürger, deren Ausreiseantrag abgelehnt worden war, konnten sich nun auf diese Vereinbarungen berufen und warfen der DDR-Führung Freiheitsberaubung vor. Honecker ging entschlossen gegen diese Ausreiseversuche vor: Derartige Anträge sollten alle abgelehnt und die Antragssteller entlassen und verhaftet werden.